Anthropogenese
Anthropogenese, Menschwerdung, Abstammung des Menschen von tierischen Vorfahren und Entwicklung über das Tier-Mensch-Übergangsfeld zur Gattung Homo und zum heutigen Homo sapiens sapiens. Untersuchung und Vergleich morphologischer Befunde an fossilem und rezentem Material, in zunehmendem Maße auch Serologie, Immunologie, Molekularbiologie, Ethologie, Ökologie und Parasitologie tragen zur Klärung des Verlaufs der A. bei.
    Man nimmt an, dass sich die Hominoidea vor etwa 35–40 Mio. Jahren innerhalb der Catarrhina (Altweltaffen) von den Cercopithecoidea abgetrennt haben. Propliopithecus, um 1911 in Ägypten gefunden, ist etwa 30 Mio. Jahre alt und vermutlich die Stammform der Hylobatidae (Gibbons), Pongidae (Menschenaffen) und Hominidae (Menschen). Hier dürfte die zu den Gibbons führende Linie abgezweigt haben. Es schließen sich Funde aus dem Dryopithecus-Kreis an, die zwischen 10 und 20 Mio. Jahre alt sind und die als gemeinsame Vorfahren von Menschenaffen und Mensch angesehen werden. Auch die Ramapithecus- Sivapithecus-Gruppe – ca. 10 Mio. Jahre alte Funde aus Indien, N-China, Europa, O-Afrika – wird als gemeinsame Basisgruppe von Menschenaffen und Mensch diskutiert. Trotz menschenähnlicher Merkmale (kleine Eckzähne; keine Affenlücke; dicker Zahn-
schmelz; parabolischer Kieferbogen) betrachtet man diese Gruppe nicht mehr als direkte Vorfahren des Menschen, sondern eher als solche des asiatischen Orang-Utan. Aufgrund des DNA-Vergleichs ist anzunehmen, dass sich Mensch und afrikanische Menschenaffen vor 6–10 Mio. Jahren getrennt haben, aufgrund des Vergleichs der Proteinstruktur, dass dies vor 4,5–8 Mio. Jahren geschah. Die molekularbiologischen Daten können mit dem paläontologischen Fundmaterial nicht voll zur Deckung gebracht werden.
    Den Menschen zeichnen anatomisch v.a. aufrechter Gang, Umformung des Beckens, Vergrößerung des Schädels und des Großhirns, Aufwölbung des Hirnschädels, sein meist knöchernes Kinn, parabolischer Zahnbogen sowie eine Verkleinerung von Eckzähnen und vorderen Backenzähnen aus. Diese Attribute wurden in einem Tier-Mensch-Übergangsfeld erworben, das vor etwa 7 Mio. Jahren begann. Als die ältesten, eindeutig als Hominiden anzusprechenden Formen galten bislang Angehörige der ca. 4 Mio. Jahre alten, vor ca. 1 Mio. Jahren ausgestorbene Gattung Australopithecus (Funde in O- und S-Afrika) mit aufrechtem Gang und einem Schädelvolumen von ca. 500 cm3. Neuere Funde deuten auf noch ältere Hominiden hin (Ardipithecus-Fossilien mit ca. 4,5 Mio. Jahren). Die wesentlichen Konstruktionsmerkmale von Australopi-
thecus sind menschlich, es treten jedoch auch Affenmerkmale (z.B. Schnauzenbildung, hinterer unterer Prämolar zweiwurzelig) auf. Die Gattung kommt in zwei jüngeren Formen vor, dem grazilen A-Typ A. africanus (1,30 m, 50 kg, Hirnvolumen unter 500 cm3) und dem kräftigen P-Typ A. robustus und A. boisei (1,65 m, 70 kg, Hirnvolumen um oder über 500 cm3). Die beiden Formen trennten sich wahrscheinlich im Pliozän. Der robuste P-Typ war auf Pflanzennahrung spezialisiert und ist auf keinen Fall ein direkter Vorfahr des Menschen. Der grazile A-Typ jagte in der Savanne und war der Ursprung der Gattung Homo mit zunächst H. habilis, der vor ca. 2 Mio. Jahren in S- und O-Afrika auftrat, einfache Stein- und Knochenwerkzeuge herstellte, ein Hirnvolumen von 600–770 cm3, insgesamt weniger tierhafte Züge sowie eine einfache artikulierte Lautbildung hatte und die Prähomininen-Phase beendete.
    Die Euhomininen-Entwicklung umfasst die Archanthropinen (Frühmenschen), Paläanthropinen (Altmenschen) und Neanthropinen (Neumenschen) und einen Zeitraum von vor zwei Mio. Jahren bis heute. Homo erectus, vor 2 Mio. Jahren in Afrika entstanden, repräsentiert die Frühmenschen. Er war Großwildjäger, hatte ein Hirnvolumen von ca. 1000 cm3, Ähnlichkeit (Extremitäten, Zähne, knöcherne Nasenöffnung) mit Homo sapiens, besaß aber ebenfalls
kräftige Überaugenwülste und eine fliehende Stirn; eine Kinnbildung fehlte. Von Afrika breitete er sich nach Asien aus (z.B. Sinanthropus pekinensis vor ca. 400000 Jahren; Pithecanthropus erectus auf Java vor ca. 800000 Jahren); die europäischen Funde werden von einigen Forschern bereits als zur Sapiens-Gruppe gehörig betrachtet: z.B. Mauer bei Heidelberg, 500000 bis 320000 Jahre alt; Vertesszöllös in Ungarn, ca. 400000 Jahre alt; Spanien; Griechenland. Die Altmenschen, vor 400000–35000 Jahren, waren ca. 160 cm groß, hatten ein Hirnschädelvolumen zwischen 1200 und 1600 cm3, kräftige Überaugenwülste und ein fliehendes Kinn. Die bekannteste Gruppe sind die Neandertaler, benannt nach einem Fund aus dem Neandertal bei Düsseldorf im Jahre 1856, der ca. 50000 Jahre alt ist. Weitere europäische Funde mit einem Alter zwischen 70000 und 35000 Jahren kamen hinzu. Die Neandertaler hatten Hände und Füße wie die Jetztmenschen, sie stellten Steingeräte her, verständigten sich in einer einfachen Sprache, kannten Tieropfer und Bestattung. Die Präsapiens- Gruppe – repräsentiert z.B. durch die Funde von Steinheim bei Stuttgart und Swanscombe bei London (zwischen 300000 und 230000 Jahre alt) – hatte sapiensähnliche Merkmale (steiles Gesicht, hochgewölbter Schädel, rund ausladendes Hinterhaupt) aber auch noch Überaugenwülste und ein geringes Hirn-
schädelvolumen. Umstritten ist, ob der moderne Mensch, der vor ca. 35000 Jahren in Europa auftauchte, sich aus europäischen Präsapienten oder Neandertalern entwickelte oder, wie die afro-europäische Sapiens-Hypothese nahelegt, sich von in O- und S- Afrika vor ca. 100000 Jahren lebenden und sich von dort nach Norden und Osten ausbreitenden progressiven Sapiens-Vertretern ableitete. Einiges spricht auch dafür, dass sich der moderne Mensch mehrfach ziemlich gleichzeitig an verschiedenen Orten entwickelt hat (multiregionale Evolutionshypothese). Mit dem Erscheinen der Neumenschen in Europa verschwanden die Neandertaler. Besonders bekannt wurde der Fund von Cro-Magnon in SW-Frankreich 1868. Neben zahlreichen Funden in Europa gibt es solche in Afrika, Australien und Amerika, die Merkmale des heutigen Menschen zeigen (hochgewölbter Gehirnschädel; Gehirnschädelvolumen ca. 1400 cm3; hohe und meist steil gewölbte Stirn; meist knöchernes Kinn; kleine Zähne; parabolischer Zahnbogen). Umstritten ist, wann sich die heutigen Großrassen (Europide, Mongolide, Negride, Australide) herausgebildet haben ( Menschenrassen).

Deutsch wörterbuch der biologie. 2013.

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